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Re-Negotiating Space (RNS#2) – „Jenseits des Anthropozäns — Die Stimme des Planeten“

13.06.2026

RNS#2

Samstag, 13. Juni 2026– 14 h, 16 – 20 Uhr

Ort: Im Garten der neuen Künstlerkolonie Darmstadt – Atelierhaus LEW1 – Kultur einer Digitalstadt – Ludwig-Engel-Weg 1, 64287 Darmstadt (bei regnerischem Wetter im Atelier)

zum Programm (in Englisch) und den beteiligten Dialogpartnern

„Der systemische Anpassungsdruck auf unser Ökosystem ist so komplex geworden, dass rein menschliche Entscheidungsprozesse an ihre Grenzen stoßen. Die Anerkennung der Natur als gleichberechtigter Akteur ist mehr als nur eine politische Aussage – es ist eine Überlebensstrategie für widerstandsfähige Städte und ihre Bewohner. Wie können wir planetarische Perspektiven in die städtischen Entscheidungsprozesse integrieren und welche Instrumente ermöglichen es uns, die „Stimme“ von Ökosystemen, Spezies und natürlichen Zyklen hörbar zu machen?“

Fotos: Johannes Jäger

Vom More-than-Human Parliament zur Zukunft urbaner Räume – Ein Rückblick auf das RNS#2

Am 13. Juni 2026 verwandelte sich der Garten des Atelierhauses LEW1 im Park Rosenhöhe – in unmittelbarer Nachbarschaft zur UNESCO-Welterbestätte Mathildenhöhe – für einen Tag in ein offenes Forum für Mensch und Natur. Im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 und unterstützt von der OKEANOS Foundation for the Oceans und dem AVE Institut fand dort die zweite Ausgabe der Dialogreihe „Re-Negotiating Space“ (RNS#2) statt – unter dem Titel „Beyond Anthropocene – The Voice of the Planet“ und in der Tradition der historischen Darmstädter Gespräche. Zwischen 40 und 60 Teilnehmende waren über den Tag verteilt vor Ort; mehrere Gäste hoben in ihren Rückmeldungen besonders das ungewöhnliche, einladende Ambiente hervor – ein Garten statt klinischem Vortragssaal, der Raum für lockere, persönliche Gespräche bot und der Veranstaltung von Anfang an eine warme, offene Atmosphäre verlieh.

Dialogpartner:innen: Beatriz Colomina (Princeton University), Mark Wigley (Columbia University), Dr. Séverine Marguin (TU Berlin), Philipe Havlik (UNESCO-Welterbe Grube Messel), Laurent Sax (IFRC, Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften) und Prof. Dr. Jamie-Scott Baxter (HafenCity Universität Hamburg). Auf Fotos von Johannes Jäger unten

Renogtiating Space #2, Darmstadt, 13 June 2026.
Renogtiating Space #2, Darmstadt, 13 June 2026.
Renogtiating Space #2, Darmstadt, 13 June 2026.

Den Auftakt bildeten am Vormittag zwei Buchpräsentationen: Beatriz Colomina und Mark Wigley stellten ihr Buch „We the Bacteria“ vor, Séverine Marguin und Jamie-Scott Baxter ihr Buch „Spacetimes Matter“. Beide Bücher lieferten den gedanklichen Unterbau für den weiteren Tagesverlauf und sorgten, wie eine Rückmeldung zeigte, noch lange über den Tag hinaus für Gesprächsstoff.

Am Nachmittag stand das „More-than-Human Parliament“ im Zentrum: ein Workshop, in dem die Teilnehmenden in drei parallelen Gruppen die Rolle von Parlamentarier:innen übernahmen – nicht für menschliche Interessen, sondern für Mikroben, geologische Zeit oder Gewässer. Es entstand keine bloße Simulation, sondern ein echtes Aushandeln: In allen drei Gruppen kam es zu spürbaren Meinungsverschiedenheiten – genau jener Dissens, der im Kern der Reihe steht, denn „Re-Negotiating“ lebt von der Reibung unterschiedlicher Perspektiven, nicht von vorschneller Einigkeit.

Im „Parliament of Microbes“ entzündete sich die Debatte an der Frage, wie weit sich die moderne, hygienegetriebene Architektur von natürlichen Kreisläufen entfernt hat – und ob diese Distanz vollständig aufgehoben oder lediglich neu ausbalanciert werden sollte. Diese Trennung wurde von der Gruppe als ein fundamentaler Ursprung vieler aktueller Störungen im Mensch-Umwelt-Verhältnis diskutiert.

Im „Parliament of Deep Time“ weitete sich der Blick auf geologische Zeiträume: Die Menschheitsgeschichte nimmt im planetarischen Maßstab nur einen winzigen Moment ein, und wie andere Spezies durchläuft auch sie Phasen der Expansion und Kontraktion. Die sinkenden Geburtenraten in den industrialisierten Ländern deuten nach Auffassung der Gruppe auf eine solche Kontraktion hin – was unmittelbare Fragen an die Stadtplanung aufwarf: Wie gestalten wir Städte, wenn Leerstände, wie sie sich bereits heute in Japan zeigen, zur neuen Realität werden? Auch hier gingen die Einschätzungen auseinander, ob dieser Wandel primär als Verlust oder als Chance für radikal neue Raumkonzepte zu lesen sei.

Das „Parliament of Living Waters“ brachte schließlich eine besonders eindrückliche, körperlich-konkrete Perspektive ein: Eine Teilnehmerin beschrieb es als bewegende Erfahrung, im Workshop das Trinkwasser als Parlamentarierin zu vertreten und ihm so erstmals eine eigene politische Stimme zu verleihen. Diskutiert wurden historische Strategien zur

Pandemieprävention seit dem Mittelalter, aber auch ein wichtiger Einwand aus der Praxis: Während im Globalen Norden die Klimakrise das zentrale Signal für ein Neudenken von Stadt und Umwelt liefert, ist es im Globalen Süden oft der Körper selbst – etwa durch im Norden weitgehend ausgerottete Krankheiten oder stundenlange Wege zur Wasserstelle. Dort bestehen zudem bereits informelle Strukturen – Hygienekomitees, Sparvereine, Wasserstellen-Komitees –, die in der Praxis längst zwischen menschlichen Bedürfnissen und natürlichen Grenzen verhandeln, ohne sich selbst als „Urban Ecological Democracy“ zu bezeichnen. Eine wichtige Erkenntnis der Gruppe war daher, dass die Frage, wer im Namen ökologischer Verhandlung sprechen darf, weiter gedacht werden muss – und dass in der knapp bemessenen Workshop-Zeit nicht immer genug Raum für eine wirklich vertiefte Aushandlung blieb, wie mehrere Rückmeldungen übereinstimmend anmerkten.

Renogtiating Space #2, Darmstadt, 13 June 2026.

In der anschließenden, öffentlichen Dialogsession ab 16:30 Uhr trafen die drei Perspektiven aufeinander – nicht als bloße Nebeneinanderstellung, sondern als echtes Verhandeln vor und mit dem Publikum. Zahlreiche Gäste meldeten sich mit Fragen und eigenen Einwänden zu Wort; ein humorvoller Zwischenruf aus dem Publikum, der scherzhaft den Mars als mögliche Ausweichoption für die Menschheit ins Spiel brachte, sorgte für Heiterkeit und zeigte zugleich, wie ernst und zugleich leicht im Raum diskutiert wurde. Mehrfach wurde in den Rückmeldungen genau dieser humorvolle, dabei stets respektvolle Umgang mit unterschiedlichen Meinungen besonders hervorgehoben. Bei einem gemeinsamen Ausklang im Garten von 19:00 bis 20:00 Uhr fand der Tag seinen Abschluss.

Als hoffnungsvoller Ausblick dominierte am Ende die Idee der Anpassungs- und Gestaltungsfähigkeit. Bezugnehmend auf Tomás Maldonados Konzept der „Speranza Progettuale“ – der Hoffnung, die im Entwerfen selbst liegt – kristallisierte sich heraus, dass die Antwort nicht in starren Masterplänen liegt, sondern in der Fähigkeit von Design und Gesellschaft, sich flexibel an veränderte Bedingungen anzupassen. Mehrere Gäste beschrieben den Nachmittag und Abend in ihren Rückmeldungen als inspirierend und stimmungsvoll und würdigten den Mut und Aufwand der Organisatoren, ein solches Format überhaupt auf die Beine zu stellen. Die Reihe „Re-Negotiating Space“ wird im August (22.8.) und Oktober (10.10.) 2026 mit zwei weiteren Dialogen fortgesetzt.

Beatriz Colomina, Princeton University.
Beatriz ist Howard Crosby Butler Professorin, bekannt für ihre umfangreiche Arbeit zu Architektur, Kunst, Technologie, Sexualität und Medien

Mark Wigley, Columbia University, New York.
Marc ist Professor und ehemaliger Dekan der Graduate School of Architecture, Planning and Preservation (GSAPP), der die Schnittstellen von Architektur, Kunst, Philosophie, Kultur und Technologie erforscht.

Séverine Marguin, HafenCity Universität Hamburg.
Séverine ist Vertretungsprofessorin für Stadt- und Regionalsoziologie und leitet das Methods-Lab. Sie forscht außerdem am CRC 1265 der TU Berlin zu Raumsoziologie, Naturkultur-Beziehungen und kulturellen Feldern.

Jamie-Scott Baxter, HafenCity Universität Hamburg.
Jamie ist Vertretungsprofessor für Stadtdesign. Er leitet Projekte zu planetarer Gesundheit und multispecies Kohabitation und koordiniert Forschung zu biophilen Urbanismen in Großbritannien.
Baxter und Marguin sind Mitherausgeber des Journal Architecture and Culture.

Philipe Havlik, Darmstadt.
Philipe ist Geologe und Geschäftsführer der Grube Messel, UNESCO-Weltkulturerbe.

Drei weitere Dialoge stehen 2026 im Rahmen des Programms der Weltdesignhauptstadt Frankfurt RheinMain an. Zur Übersicht des Projekts RNS und den anderen Dialogen


Re-Negotiating Space ist ein Projekt im Rahmen der WDC 2026

Es wird gefördert von:

WDC 2026, Wissenschaftsstadt Darmstadt, Jubiläumsstiftung der Sparkasse, Okeanos Stiftung für das Meer, AVE Institut für Achtsamkeit, Verbundenheit und Engagement, Entega Stiftung

WDC 2026 wird gefördert durch das Land Hessen, die Stadt Frankfurt am Main und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Kooperationspartner

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Förderer

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#Digitalität #Digitalstadt #Installation #Kulturkarte

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